Das Buch meines Lebens ist ohne Zweifel „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. Es gehört zu den Titeln, die ich lange nach ihrem ersten Erscheinen (1967) in der französischen Übersetzung für mich entdeckte. Tagelang konnte ich kaum etwas anderes tun als immer weiterlesen. Allein der erste Satz transportiert einen schon weit weg in eine Welt jenseits des eigenen Alltags: „Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendía sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennenzulernen.“

  • Was will man als Leser*in nicht alles wissen, nach diesem Anfang:
  • „Jahre später“?
  • Auf welches Ereignis bezieht sich diese Zeitangabe?
  • Wer ist Aureliano Buendía? Warum steht er vor einem Erschießungskommando?
  • Und wird er tatsächlich erschossen? Warum?
  • Oder warum doch nicht?
  • Und was hat es mit dem Eis auf sich, das so außergewöhnlich in der Zeit und der Welt des Obersten ist?
  • Warum zeigt ihm der Vater „das Eis“?

Das ist große Kunst. Und große Kunst ist es natürlich auch, die Leser*innen über vierhundert Seiten zu fesseln mit einer Familiengeschichte – der der Buendías –, die einem zugleich die Geschichte Lateinamerikas nahebringt. Das zweite Mal las ich den Text im spanischen Original, was eine echte Herausforderung darstellte, denn Nobelpreisträger verfügen über einen gewaltigen Wortschatz... Aber dennoch kam mir Lateinamerika durch die spanische Version näher, was angesichts der blutigen Kolonialgeschichte seltsam anmuten kann. Wenn ich das jetzt so erzähle, reift der Entschluss in mir, den Roman noch ein viertes Mal zu lesen, diesmal vielleicht der Einfachheit halber auf Deutsch ... Ich werde berichten, ob er gut gealtert ist.