Als ich aus der Haustür trat, sah ich ihn sofort. Er muss über Nacht angekommen sein. Ich frage mich, wer die Idee hatte, ihn ausgerechnet in unserer Straße abzulegen, wo für so etwas überhaupt kein Platz ist. An anderen Orten würde er weniger stören. Aber was heißt überhaupt „er wurde abgelegt“? Von wem? Wie? Und warum? Ich bin froh, dass ich noch aus dem Haus kann. Auf dem Bürgersteig liegt er nämlich zum Glück nicht, dafür aber mitten auf der Straße. Wenn man ihn anfassen will, muss man den Bürgersteig verlassen, was ich auch tat. Ich wollte wissen, aus welchem Material er ist und ob sich nicht vielleicht jemand einen Scherz erlaubt hat, einen Aprilscherz beispielsweise. Am Ende kann ihn jedes Kind einfach wegrollen, eine Faschingsattrappe, und irgendwo gibt es eine versteckte Kamera. So wird es sein, denke ich beim Überqueren der Straße, und ich bin jetzt eine von denen, über die man sich lustig macht, weil sie sich verhält wie die Menschen in dem Film „Die Götter müssen verrückt sein“. Da fiel eines Tages eine Colaflasche vom Himmel in eine bis dahin von Weißen unbetretene Gegend. Und das war der Beginn von Neid und Zwietracht in dieser zuvor harmonisch lebenden Gemeinschaft. Um es kurz zu machen: Darauf falle ich nicht herein.
Beim Berühren des Steins – denn dass es sich um einen Stein handelt, dessen bin ich mir beim Nähertreten sicher – habe ich mir in den Finger geschnitten. Ist das nicht merkwürdig? Dabei hat er weder Ecken noch Kanten. Seine Oberfläche ist rau, das schon, aber dass sie eine Verletzung verursacht, bei der gleich Blut fließt, hätte ich nicht gedacht. Ich werde den Stein nicht mehr berühren, sondern künftig nur anschauen. Nach dieser ersten und schmerzhaften Erfahrung tat ich so, als wäre alles beim Alten, und ging meinen Beschäftigungen nach. Ich fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit und es gelang mir im Laufe des Tages, den Stein vollkommen zu vergessen, obwohl das Pflaster, das ich auf meinen verletzten Finger geklebt habe, mich hätte erinnern können.
Als ich in der Dämmerung nachhause kam, lag er natürlich immer noch da. Wer wäre in der Lage und willens gewesen, ihn so kurzfristig wegzuräumen? Wobei es eigenartig ist, dass ich mich nach nur einem Tag nicht mehr frage, wer ihn hergebracht hat und auf wessen Wunsch hin, sondern ihn bereits beinahe als einen natürlichen Teil meiner Umgebung betrachte. Die anderen Leute im Viertel scheinen keinen Anstoß an ihm zu nehmen. Aber mit Sicherheit kann ich das nicht sagen, denn ich habe den größten Teil des Tages nicht zuhause verbracht.
1. April
Die Selbstverständlichkeit, mit der der Stein mitten auf der Straße liegt, hat schon etwas sehr Irritierendes. Es ist ja offensichtlich, dass er den Verkehrsfluss beeinträchtigt, auch wenn in meiner Straße nur wenige Autos fahren. Beim Blick vom Balkon habe ich beobachtet, dass Autos bis zu dem Stein fuhren und dann umdrehten. Sie fuhren in der entgegengesetzten Richtung zurück, was streng verboten ist. Ich lebe in einer Einbahnstraße. Wenn in den nächsten Tagen niemand etwas unternimmt, werde ich mich bei der zuständigen städtischen Stelle erkundigen, wann man sich um die Entfernung des Steins zu kümmern gedenkt.
2. April
In der Nacht habe ich von dem Stein geträumt, was auch darauf zurückzuführen ist, dass ich mich mit niemandem über seine plötzliche Anwesenheit austauschen kann. Anwesenheit ist wahrscheinlich das völlig falsche Wort, denn ein Stein ist tote Materie und kein Wesen. Was für eine Materie aber ist er eigentlich? Vielleicht handelt es sich ja um einen Meteoriten, was seine feindselige Reaktion auf meine Berührung erklären würde. Er verhält sich nicht wie ein normaler Stein. Andererseits verhält sich ein Stein überhaupt nicht. Wir Menschen verhalten uns ihm gegenüber. Ich habe nicht bei der Stadt angerufen.
3. April
Beim Verlassen des Hauses habe ich ein auffälliges Blatt im Format DIN A 3 bemerkt, das an der Tür befestigt war. Jemand hat in großen Buchstaben und mit etlichen Rechtschreibfehlern seinen Unmut formuliert. Beim Lesen muss ich lachen. Warum, ist gar nicht ganz klar, denn eigentlich kann ich dem Plakatkleber oder der Plakatkleberin nur Recht geben:
Der Eigentümer des störenden Steins, der seit einigen Tagen in der Mitte unserer Straße liegt und den Verkehr völlig durcheinanderbringt, soll ihn gefälligst wieder wegräumen. Das ist hier doch kein Schrottplatz oder Steinabladeplatz oder so. Ich rufe die Polizei, wenn bis morgen nichts passiert ist.
Es ist ja nur fair, dass dem Steinablader zunächst die Chance gegeben wird, sein Fehlverhalten ohne weitere Konsequenzen zu korrigieren, finde ich, und freue mich darüber, dass ich in einem Viertel wohne, in dem man nicht gleich nach der Obrigkeit ruft. Ein Anflug von Scham darüber, dass ich selbst kurz davor war, lässt sich nicht leugnen. Ich werde über die Gegenwart des Steins und seine Auswirkungen auf mein unmittelbares Umfeld im Laufe des Tages nachdenken. Vielleicht erzähle ich auch einigen meiner Arbeitskollegen davon.
4. April
Ich habe beschlossen, hinsichtlich des Steins aktiv zu werden. Ich will nicht versuchen, ihn wegzurollen. Ich will auch nicht in dieses schriftliche Geschimpfe über sein Stören einstimmen, das ist mir über Nacht klar geworden. Ich habe eine ganz andere Idee.
Beim Blick vom Balkon habe ich außerdem eine interessante Beobachtung gemacht: Ein kleiner Trupp Kinder vom Kindergarten in unserer Straße ist zusammen mit zwei Erzieherinnen in der Nähe des Steins aufgetaucht und hat einen großen Kreis um das mineralische Monster gebildet. Die Kinder und die Erzieherinnen haben sich bei den Händen gefasst und zunächst einen kleinen Tanz veranstaltet. Dann schlug offenbar eine der Erzieherinnen das Plumpsack-Spiel vor, was zu viel fröhlichem Lachen und leidenschaftlichem Laufen Anlass gab. Ich habe vom Balkon aus gesehen, dass vor allem eine der beiden Erzieherinnen ausgesprochen sympathisch wirkt, und mich daraufhin beeilt, nach unten zu gelangen, um sie unter einem Vorwand anzusprechen. Ein Vorwand ist derzeit leicht zu finden – er liegt sozusagen auf der Straße. Ich habe mich von meiner kinderfreundlichen Seite gezeigt und die Erzieherin für ihren Einfallsreichtum gelobt. Die Kinder riefen sie mit ihrem Vornamen – Juliane – und so weiß ich für künftige Begegnungen wenigstens, wie sie heißt.
5. April
Vor lauter Begeisterung über meine neue Bekanntschaft habe ich gestern ganz vergessen, von meiner Idee zu berichten. Genau genommen sind es mittlerweile zwei Ideen.
Der Verkehr in unserer Straße hat merklich nachgelassen. Die Nachricht von dem riesigen Hindernis, der das Passieren für Autos stark erschwert, scheint sich verbreitet zu haben. Um aus unserer Straße auf eine ganz unbürokratische Art eine verkehrsberuhigte Zone zu machen, will ich Juliane in den nächsten Tagen vorschlagen, mit den Kindern zusammen ein Schild anzufertigen, das am Anfang der Straße an einem geeigneten Ort befestigt werden könnte. Es soll bunt sein und zum Ausdruck bringen, dass hier Kinder spielen und deshalb jede Durchfahrt eine Gefährdung bedeutet. Ich bin gespannt, was sie dazu sagt.
Aus meinem Kellerraum habe ich ein paar alte Klappstühle geholt, die ich am späten Abend in der Nähe des Steins aufstellen will. So können Nachbarn miteinander ins Gespräch kommen oder einfach verweilen und den Kindern beim Plumpsack-Spielen zuschauen.
6. April
Jemand hat die Warnung des Hausbewohners, der wegen des Steins die Polizei rufen wollte, abgerissen. Die Kindergruppe kam heute wieder und veranstaltete ihren wilden Ringelreihen um den Stein. Bei der Gelegenheit schlug ich Juliane und ihrer Kollegin vor, den morgendlichen Ausflug um eine gemeinsame Aktivität zu erweitern und das Spielstraßenschild als Bastel- und Malprojekt in Angriff zu nehmen. Sobald sie stabiles Material gefunden haben, wollen sie damit beginnen.
7. April
Heute bin ich später zur Arbeit gegangen. Juliane hat mir den Entwurf für das Schild gezeigt. Einige Nachbarn stellten zwischen meine Klappstühle kleine Tischchen, die sie vermutlich ebenfalls in ihren Kellern gefunden hatten. Auf diesen Tischchen fanden Thermoskannen und Kaffeetassen Platz und es kam eine Art Picknick in Gang, das auch ich richtig gemütlich fand.
8. April
Der Picknickplatz in der Nähe des Steins wird gut angenommen. Mittlerweile sind noch weitere Klappstühle hinzugekommen. Irgendjemand hat auf den Tischchen kleine Blumensträuße platziert. Das Schildermalen ist nun nicht mehr allein Sache der Kinder. Väter, Mütter und bislang fremde Menschen machen auch mit. Ein versierter Bastler aus meinem Haus hatte die Idee, es nicht bei einem Schild zu belassen. Ähnlich wie Wahlplakate, sollen alle paar Meter an einem Laternenmast Hinweise auf die Besonderheit unserer Spielstraße aufgehängt werden.
Ich bin wieder ein bisschen später zur Arbeit gefahren. Noch hat mein Chef lediglich die Augenbrauen hochgezogen und auf die Uhr geschaut, als ich eintraf.
9. April
Unsere Straße ist nicht wiederzuerkennen. Das liegt nicht nur an den vielen bunten Schildern, die rechts und links schon von Weitem zu sehen sind. Die Kinder, Betreuerinnen, Nachbarinnen und Nachbarn haben damit begonnen, mit Kreide auf den Boden zu malen. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass Farbe eine so starke Wirkung entfaltet.
Autos fahren mittlerweile nicht mehr durch die Straße. Allerdings ist mir aufgefallen, dass auch in der Querstraße, in die unsere farbenfrohe Spielstraße mündet, erste Zeichen einer Verwandlung sichtbar sind. Auf dem Bürgersteig haben die Leute kleine Picknickinseln aufgebaut, packen dort Kaffee und Kuchen aus und machen es sich gemütlich. Ich bin gespannt, wann die ganze Stadt zu einem einzigen plaudernden Freiluftcafé werden wird.
10. April
Es herrscht eine angenehme Atmosphäre in meiner Straße, seit der Stein da ist. Ich freue mich, wenn ich am Abend nach der Arbeit noch ein wenig draußen sitzen und mit den Nachbarn schwatzen und dabei ein Gläschen Wein trinken oder eine Pizza essen kann. Ich habe ganz vergessen, wie es war, bevor wir die Stühle und Tische und Bemalungen hatten.
11. April
Heute Morgen habe ich bei meinem Chef angerufen und mich krankgemeldet. Ich bin krank. Als ich gleich nach dem Aufstehen gutgelaunt von meinem Balkon schaute, wurde mir so elend wie schon lange nicht mehr. Der Stein ist verschwunden. Unsere Tische und Stühle müssen ebenfalls bei Nacht und Nebel entfernt worden sein. Ich kann sie nirgends entdecken. Die Straße ist so asphaltgrau wie immer. Nur hier und da sind schwache Kreidereste zu sehen. Wie wird Juliane das den Kindern erklären? Wie soll man etwas erklären, das man selbst nicht versteht? Ich könnte das nicht. Stattdessen bleibe ich einfach im Haus und gebe mich meinem Schmerz hin. Er fühlt sich übrigens an wie Heimweh. Ich habe keinen Appetit, weiß nicht, wohin mit mir und bin untröstlich. Im Moment kann ich nicht darüber nachdenken, welches Kraut gegen meine Traurigkeit gewachsen sein könnte.
Aber morgen gehe ich vielleicht in meinen Keller und schaue nach, ob sich nicht noch ein paar Klappstühle finden lassen. So leicht sind wir doch wohl nicht zu entmutigen.
