Das Kind ist im Herbst in die Schule gekommen, in eine kleine Schule, aber in eine große Klasse mit 40 anderen Kindern. Die Aufregung war kaum auszuhalten. Bevor es also Lehrerin werden kann, muss es selbst in die Schule gehen und das hat es sich einfacher vorgestellt. Völlig überrascht ist es davon, wie schwer ihm das Schreibenlernen fällt. Dabei hat es doch schon vor dem ersten Schultag seinen Namen auf alles Mögliche geschrieben, auch wenn das „N“ dabei vor allem die große Schwester zum Lachen brachte, weil es mit einem diagonalen Strich begann.

Schon am ersten Tag muss es zuhause auf einer Schiefertafel LA LA LA so oft schreiben, bis die ganze Tafel voll ist. Damit es ein bisschen schneller geht, schreibt es die Buchstaben immer größer, je weiter es kommt. Das findet die Lehrerin nicht so gut am zweiten Schultag. Sie wischt mit einem beherzten Schwung die ganzen zu groß geratenen Buchstaben wieder weg. „Das musst du noch einmal machen“, sagt sie. Das Kind ist entsetzt. So etwas hat noch nie jemand zu ihm gesagt. Es hat noch nie eine Sache zum zweiten Mal machen müssen, weil sie beim ersten Mal nicht gelungen ist. Noch nie ist ihm etwas nicht gelungen geschweige denn gesagt worden, dass etwas nicht gelungen ist. Deshalb weiß es nun gar nicht, was es der Lehrerin erwidern soll, sondern beugt sich über die Tafel und macht die großen Buchstaben kleiner. Schließlich setzt die Lehrerin einen kleinen Haken an das Ende der Aufgaben. Ein gutes Zeichen.

Kurz vor dem 1. Dezember bringt die Lehrerin einen Adventskalender mit in die Klasse. Und weil die 23 Tage vor Weihnachten und der 24. Dezember das Magischste sind, was das Kind kennt, freut es sich darüber sehr. Es hat sich inzwischen an die vielen anderen Kinder im Raum gewöhnt, auch wenn es die Jungen seltsam findet und insgesamt eigentlich nur eine Freundin hat. Advent ist wunderbar. An jedem Tag darf nun ein Kind ein Türchen öffnen und den anderen erzählen, was es vorgefunden hat – ein Lebkuchenhaus, einen Schlitten, einen Stern, ein Reh. Was weder das Kind noch die Lehrerin bedacht hat, ist die Anzahl der Türchen im Verhältnis zur Anzahl der Mitschüler: 24 Türchen, 41 Kinder. Das geht nicht auf. Als es auch am 21.12. noch nicht an der Reihe war mit dem Aufmachen, schwindet seine Hoffnung, vor den Ferien noch zum feierlichen Öffnen nach vorne gerufen zu werden. Warum welche Kinder aufgerufen werden und andere nicht, hat es nicht verstanden, wahrscheinlich auch, weil es die Lehrerin nicht erklärt hat. Vielleicht lässt sich das selbst von einer Lehrerin nicht erklären.