Das Kind sitzt im Sand. Im Hof hinter dem Haus und vor dem Garten hat der Vater einen großen Haufen Sand aufgeschüttet, weil damit etwas gebaut werden soll. Was, weiß das Kind nicht, aber irgendwo baut der Vater immer. Der Hof ist von einer Seite mit der Rückseite des Hauses, von der anderen mit den Garagenanbauten begrenzt und von den übrigen beiden mit Zäunen zu Nachbargrundstücken und zum Garten. Unterhalb des Zaunes zum Garten ist einmal ein Bach geflossen, der aber zugeschüttet wurde, auch weil es gefährlich war, dort zu spielen. Einmal hat das Kind dort seine feine rote Handtasche hineingehalten und losgelassen, sodass sie fortgeschwemmt wurde und im Zaun zum Nachbargrundstück hängen blieb. Fast wäre es selbst in den Bach gefallen bei dem Versuch, sie zurückzuholen, aber das hat zum Glück die Mutter verhindert, weil sie das Kind gehört und die Tasche mit einer Harke herausgefischt hat.
Für das Kind ist der Sandberg im Hof ein Ort, der täglich neue Formen annimmt. Im Winter, wenn genug Schnee liegt, lässt sich hier sogar mit dem Schlitten abfahren. Sobald die Kufenspuren gefroren sind, gleitet der Schlitten bis zur Hauswand. Der Aufprall, den das Kind liebt und auf den es sich schon oben auf dem Hügel freut, verursacht einen kleinen, aber nicht sehr bedrohlichen Ruck im Körper.
Im Sommer kann es mit seinen kleinen Händen Burgen in die Höhe wachsen lassen und Löcher graben, es kann sogar ganze Labyrinthe mit kommunizierenden Tunneln anlegen. Sein Kindergartenfreund hat eines Tages eine weiße Maus mitgebracht, die sie vor den unteren Eingang der Sandstollen gesetzt haben. Die Maus irrte dann durch die Gänge und streckte an verschiedenen Stellen ihr winziges rosa Schnäuzchen aus den Löchern. Davon durfte keine Menschenseele je etwas erfahren.
Manchmal gräbt das Kind sich selbst ein und genießt es, wenn der Sand einfach überall zu spüren ist und es in der Wärme des Sommers seine Zehen und Finger in den kühlen, feuchten Körnern noch genug bewegen kann, um sich aus seiner Enge wieder herauszuarbeiten.
Heute will es aber nicht bauen oder sich eingraben, sondern kochen. Vor ihm liegt ein blasslila Tablett aus Plastik. Auf dem blasslila Tablett aus Plastik liegt ein roter Fisch aus hartem Plastik mit blauen Augen. Das Kind holt mit seiner gelben Gießkanne Wasser aus dem Messingwasserhahn an der hinteren Hauswand. Wasser wird zum Kochen unbedingt gebraucht, etwa um mit einem roten Plastiklöffel die wässrige Sandsoße für den Fisch anzurühren. Mit der gelben Kelle gießt das Kind die Soße, sobald sie flüssig genug ist, über den Fisch. Fertig. Ein köstliches Essen für die Gäste seines feinen Restaurants.
In Wirklichkeit hat das Kind so einen Fisch noch nie gesehen und auch noch nie gegessen. Wenn die Mutter Fisch kocht, dann auf jeden Fall ohne Soße. Und auch nicht ganz und mit Augen im Kopf, sondern immer in Scheiben geschnitten und paniert. Er ist auch nicht rot. Der rote Fisch ist etwas ganz Besonderes. Er wird nur in diesem Restaurant serviert. In diesem feinen Restaurant gibt es manchmal auch Frosch. Der Frosch ist grün und schwarz gemustert und mit Luft gefüllt. Man kann ihn aber nicht aufblasen. Er ist die zweite Delikatesse auf der Speisekarte und wird ebenfalls mit dieser unvergleichlichen Soße angeboten und mit Gräsern und Kräutern garniert. Frosch kocht die Mutter nie. Das Kind hat auch noch nie einen Frosch gesehen, weder einen toten noch einen lebendigen. Ein zweites Gericht gehört auf die Speisekarte, denn schließlich wollen die Gäste ja nicht jeden Tag das Gleiche essen.
Als Nachtisch gibt es Kuchen. Sandkuchenförmchen hat es jede Menge zur Auswahl, aber am liebsten macht es Marmorkuchen. Damit der Kuchen marmoriert wird, muss es unter den Sand noch ein bisschen Erde mischen und aus Erde eine Soße rühren, die es dann über dem Kuchen verteilt wie flüssige Schokolade. Ihm selbst läuft dabei das Wasser im Mund zusammen.
Die Gäste sind immer wieder begeistert von seinen Menüs.
Das Kind kocht gern.
